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Loris



Photo Živilė Abrutytė

Jahrelang Loris hatte versuchte, sich unauffällig zu halten. Das Schweigen war seine Wahl gewesen.
Schwer zu verstehen, dieses Schweigen, diese Wahl.
Sicherlich war die Wahl eines Menschen, der eine Meinungsverschiedenheit ausdrücken wollte.
Eine Meinungsverschiedenheit mit seinem Vater vor allem und mit seiner Mutter und seinem Bruder.
Ein würdevolle Meinungsverschiedenheit, die mit Benehmen aufrechterhalten war. Das hielt ihn von seiner Herkunftsfamilie und den Folgen von ihr fern.
Ein vorwegnehmende Meinungsverschiedenheit, die schien fast zu ahnen, was nach dem Ende gewesen wäre. Was immer das Vergessen betrifft. Von allen vergessen zu sein, abgesehen von den Sturköpfigen, die sich darauf verteifen, sich erinnern zu wollen.
In gewisser Weise stellte er dar, was das Ende gewesen wäre. Und er wusste, dass das Vergessen das Ende aller Ereignisse sein würde.
Vergessenheit ähnelt einem neotenischen Prozess, der letztlich behält, was von Anfang an im Individuum war. Was geboren wurde aus dem Vergessen kehrt zum Vergessen zurück.
Loris spürte mehr als andere die Stärke dieses neotenischen Prozesses. Ein Faden dehnte sich von Anfang bis Ende aus, ein Faden wurde induziert und konnte nicht gebrochen werden.

- Dein Bruder ist geheim. Er schweigt. Hört er zu, aber sagt er niemals, was er denkt. - Sabatina wiederholt oft zu Giacomo.

Und es war wahr. Loris schwieg. Er hörte zu und schwieg doch.
Und diese Stille hat Sabatina verwirrt. Die, die so gerne mit ihm reden wollte, sprach er allerdings weder mit ihr noch mit anderen.
Am Ende begann sie einen ihrer endlosen Monologe. Es war derselbe Monolog, den sie ihm schon beim letzten Mal wiederholt hatte, und das war derselbe, den sie vor dem letzten Male viele andere Male angerichtet hatte.
Loris saß unerschütterlich und stoisch vor ihr und hörte zu und sagte nichts. Hin und wieder fuhr er mit einer Hand über sein Haar oder strich sich seinen Bart.
Er nickte mit dem Kopf.
Nach maximal zwanzig Minuten stand er auf, küsste sie, umarmte sie und begrüßte sie.

- Wann kommst du zurück? - dies war die unvermeidliche Frage von Sabatina.
- Ich weiß es nicht - antwortete er - Nächste Woche. Vielleicht. Aber ich weiß nicht wann.

Loris schien eine Domestizierung erlitten zu haben, zur Unempfindlichkeit und Selbstkontrolle.
Giacomo, der das Gegenteil von Loris war, empfand jedoch eine Bewunderung für sein Verhalten gegenüber des Verlaufs des chromosomalen Verhaltens der Familie.
Und es war wahrscheinlich eine Domestizierung (eine Narrative), die vor langer Zeit begann.
Giacomo erinnerte sich tatsächlich an einen anderen Loris als sie Kinder waren. Ein Loris, vielleicht schüchtern, zurückhaltend, aber gesprächig, willensfreudig. Und vor allem Loris Loris gut.
Ehrlich gesagt, glaubte Giacomo in seinem Herzen noch nie jemanden gekannt zu haben, der so gut wie sein Bruder war.
Und im Vergleich zu ihm fühlte er sich schmutzig und unwürdig.
Und er war der ältere Bruder, mit dem er sich niemals frei ausdrücken konnte. Er hatte immer Angst zu sagen, was er dachte.

Als Loris ging, wurde alles herum still.
Sabatina hielt den Kopf gesenkt und legte ihr Kinn auf eine Hand des linken Unterarms, der gebückt war, um ihren Kopf zu stützen. Die andere Hand hielt sie an ihrem rechten Oberschenkel. Es drückte gleichzeitig eine Szene der Enttäuschung und Resignation aus.
Silvano saß auf dem Stuhl vor Sabatina und hielt den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt und die Hände auf den Knien gefaltet, als wollte er den Wunsch äußern, zu reagieren und zu gehen, der blieb aber von anfang an abgebrochen.
Eine Stille, die mindestens zehn Minuten dauerte und in der keiner von ihnen sprach.
Giacomo beobachtete sie beide eine Weile und lenkte ab.
Am Ende brach Sabatina die Stille. 

- Ich weiß nicht, was wir mit ihm gemacht haben. Er kommt hierher als er gekommen wäre, um uns den Segen zu geben. Zehn Minuten und dann geht er.
- Und? Er hat viel zu tun. Ich weiß es, was bedeutet zu reisen ... er ist immer auf Reisen. Er wird nächste Woche wiederkommen, wie immer ... - aber Silvano war nicht überzeugt.

Dann wandte sich Sabatina an Giacomo.

- Wenn dein Bruder geht, fliehst du immer. Du sprichst mit ihm niemals.

Giacomo antwortete nicht. Aber innerlich wusste er, dass es wahr war. Mit Loris war er nie sicher, worüber er reden konnte. Loris Verhalten und seine Zurückhaltung blockierten ihn. Sie haben ihn eingeschüchtert. Tatsächlich wusste er nie, ob Loris über ein bestimmtes Thema sprechen vollte oder nicht.
Die Politik interessierte ihn nicht, auch weder Sport noch einmal Literatur. Vielleicht hätte er mit ihm über Architektur reden sollen (Loris war Architekt), aber Giacomo war in diesem Bereich ein vollkommener Ignorant.
Als Loris gegangen war, herrschte die Atmosphäre einer unterbrochenen Überraschung, eines erhofften, aber verpassten Ergebnisses, einer Finte, die im Ring nicht funktioniert hatte.
Dieser Ort wurde dann zu einem stillen Zimmer, das den rötlichen Geschmack wundervoller Welten ausstrahlte, die von dort sowieso niemand sehen konnte, nicht mehr.


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